Mante Religieuse

Posted by on 03.06.2014 in Allgemein

Da war eine libellenartige Bauchtänzerin auf dem Tisch dieser heruntergekommenen Kneipe. Man sah die wiederaufgehende Sonne durchs Fenster blinzeln und die Musik klang nach einer Mischung von experimentellem Jazz und Gypsy. Völlig vertieft in die fast surreale Tanzperformance bemerke ich kaum den Mann der sich neben mich setzt. Er räuspert sich, ich drehe ihm meinen Kopf zu. Sein Gesicht ähnelt einerseits dem meines Vaters und dem einer Gottesanbeterin. Es scheint zu flackern, genauso wie das Getränk, was er aus seinem doppelten Shotglas trinkt. Mein Tullemore Dew verbrennt meine Geduld. Ich rauche und er raucht und wir sehen uns an. Und verschwinden im Rauch. Er beginnt zu sprechen, doch ich kann ihn nicht verstehen, es ist wie ein Klacken passend zur Musik und ich nehme einen weiteren Schluck meiner verbrannten Geduld, um meine Seele in einen Käfer zu verwandeln. Auch ich klacke zu dem funkelnden Bild meiner kaputten Fantasie.
Ohne es zu merken scheine ich ein Gespräch mit diesem Gottesavater angefangen zu haben, oder Vatersanbeterin. Das Klacken unserer Münder beginnt ganz langsam Sinn und Konturen anzunehmen. Er erzählt mir von seiner Frau, die seine Geliebte gefressen hätte und nun auch ihn fressen will. Bei dem Eingang der Ehe vor 20, ach 30 Jahren habe er sie geliebt. „Ihr Glänzen war eine animalische Anziehung und ich musste sie berühren.“ sagte er „musste sie besitzen“, „musste es besitzen“. Nun sei er der besessene. Besessen von dieser Frau, die so schleierhaft schimmernd scheint. „Schon Schön. Schon Schön. Ganz schön schön.“, aber schon damals wusste er dass er seine Seele verkaufte. „Du musst dir das anders vorstellen“ klackte er, ohne das ich irgendwas in Frage gestellt hätte. „Es war nicht Liebe die mich dazu gebracht hat. Nicht nur, nicht hauptsächlich jedenfalls. Es war eine Sehnsucht, eine Begierde. Ein Rennen zum Zwecklosen. Ein zwingendes Zwicken in der Seele.“ Er trank und schwieg und seine Formen fingen an zu schwirren und verzerren. Seine Augen waren so groß. So voll. Voll von Form. Voll von Eleganz. Sein Anzug zeigte, dass er lebte und gelebt hat. Der Mann, wiegte zur Musik.
Dann kam die Bauchtänzerin nach vorne zur Bühne und öffnete ihr Kleid, ein Schwarm Schmetterling schwirrte daraus hervor, verging kurz darauf und ihr Körper war perleneben.
„Jim.“ kam es von der Seite. „Ich heiße Jim.“ und ich sagte zweimal meinen Namen. Ich musste an Lotusblüten denken und Kirschbäume, es waren so viele wunderschöne Farben. „Die Götter“ sagte er „haben uns nicht umsonst geboren. Ich will nicht sterben, ohne wahrlich gewesen zu sein. Gib mir Glanz und gib mir Sinn. Oh.“ Die Tänzerin kam auf Jim zu und küsste ihn. Sie küsste ihn und diese ganze verschwommene Welt, wirr wie sie war, wechselte die Farbe, entwand sich der Freiheit und kerkerte sich ein für einen Moment fühlte ich mich selbst entgleiten und einswerden mit den Farben und dem Glanz und den Lippen der Tänzerin.

Ich verspürte eine Art Hunger auch, und berührte den Bauch der Tänzerin und berührte die Brust der Tänzerin, wie wundervoll verschoben und verschenkt, schrieb ich mich ab. Und an ging die Lust und aus die Realität.

Die Tür öffnete sich und eine Frau trat ein. Sie trug wohl keine 30 Jahre und war doch so alt. Schnell und direkt schritt und glitt sie auf Jim zu und seinen zweiten Teil zu und verschlang ihn und sie und mich beinah auch mit ohne ein Wort zu verlieren. Und der Rauch der brennenden Zigaretten stieg erneut auf. Sie saß dann da, an Jims stelle und ich fühlte mich so leer. Die Musik spielte noch. Es war wohl wieder Tag geworden. Sie war in der tat so schön. Sie blickte starr in das leere Glas ihres Mannes.