Pop Literatur ist ein hingewetzes Stück Jungfleisch. Das pulsierende Herz einer Generation. Seit über einem Monat ist Wolfgang Herrndorfs letztes unvollendetes Werk „Bilder deiner großen Liebe: Ein unvollendeter Roman“, welches bis zu Herrndorfs Tod den Arbeitstitel „Isa“ trug, auf dem Markt. Ein geschriebener Roadmovie, on the road like. Wie damals Kerouac: poppig, jung und wild. Das 14-jährige Mädchen des Arbeitstitels Isa ist natürlich die Hauptperson und erlebt in dem Buch Ausbruch und romantische Wanderschaft. Es ist eine Art Fortsetzung des so gekrönten Buches Tschick aus anderer Perspektive.
Herrndorf studierte Malerei und arbeitete unter anderem als Autor und Illustrator für die Titanic. Am 26. August 2013 nahm er sich aufgrund der steigenden Leiden seines Hirntumors das Leben.
Sein 2002 erschienener Debütroman „In Plüschgewittern“ beschreibt eine wilde heimatlose Woche in Berlin und wurde seinerzeit als Popliteratur abgetan. „Adoleszenzroman“ nannte er ihn selbst. Aber ist Pop nicht die Abbildung der Adoleszenz? Und wieso abgetan?

Pop Literatur ist wild, jung und spritzig. Schockierend, provokant und bahnbrechend. Airen schrieb 2009 seinen Strobo, mit dem er auf ein verdrogtes Boot aufsprang, welches schon in den 50ern mit den Beatniks unter lautem Geheul seine Segel gesetzt hatte und mit Rolf Dieter Brinkmann gegen die alte Gruppe 47 nach Deutschland eigebrochen ist. Neben Acid und Rave schlängelt sich die Pop Literatur als Underground durch die Blog und Poetry Szene Deutschlands, durch Techno- und Extasykultur, voll verzweifelter Selbstdarstellung, von Kritikern geachtet vom Mainstream verschmäht. Eine junge ironische Sprache, aus gediegener Klasse hinausstechend, mitunter blasphemisch, obszön. Schön.
Da kommt die Frage auf, ob Pop denn was vergängliches ist und kann auch direkt mit nein aus der Welt geschafft werden. Die Beats zum Beispiel gelten heute nicht nur als wichtig, sondern auch als hochwertig und prägend.
Das heißt Pop ist nur zur Zeit der eigenen Entstehung und Blüte verschrien und beweist erst in der Retroperspektive seine Qualität.

Ist alles, was vulgär ist, pop? Nein, nur weil auf einmal alle Frauen über ihre eigenen Sadomasophantasien lesen wollen ist es kein Zeitgeist und kein Lebensgefühl, das in Büchern wie Feuchtgebiete, Fifty Shades of Grey ecetera geschrieben wird. Pop Literatur ist nämlich ist kein einfacher Versuch nach Geld und Erfolg zu greifen.

Pop Literatur gilt als kleine dröge Nische, der man eigentlich entkommen will, um endlich in die etablierte Welt der herausragenden Kritik zu kommen. Brinkmann zum Beispiel wollte dem Pop entkommen, als er sich 1970 aus dem „Geschreibsel“ wie es Truman Capote nannte (konkret über Kerouacs „On the Road“) zurückzog, und stattdessen mit „Ablösung der kanonisierten Literatur“„zur Ausprägung der Empfindsamkeit seiner Generation beitragen“ wollte. Aber warum schämen ein Funken des Zeitgeistes zu sein? Warum nach einer geebneten Fläche suchen in der nichts neues zu pflanzen ist und man sich nur einreihen kann?

Herrndorf ist Gegenwartspop und sollte uns allen endlich offenbaren wie wichtig und prägend Pop für die Literatur und die Zeit ist.